Flüsse renaturieren

von Admin

Sabrina Schulz hat von 2012 bis 2015 für die sozial-ökologische Forschungsgruppe GETIDOS gearbeitet und unter anderem die Jugendkampagne Big Jump Challenge koordiniert. Im Anschluss wechselte sie in den Naturschutzbereich der Deutschen Umwelthilfe, wo sie heute von Erfurt aus das Schwerpunkt-Team „Lebendige Flüsse“ leitet und sich insbesondere für den Fischotter und den Biotopverbund an Flüssen im Elbeeinzugsgebiet einsetzt. Wir haben ihr ein paar Fragen gestellt.

 

Renaturierung... was ist ein ent-naturierter Fluss?

Ein Spaziergang am Fluss ist für viele Menschen ein Naturerlebnis, zumindest außerhalb der Städte: Felder, Bäume, dazwischen glitzerndes Wasser, das wirkt idyllisch und natürlich. Zumal die meisten Flüsse in Deutschland nicht (mehr) stinken oder durch Schaumkronen und tote Fische erkennen lassen, dass hier etwas nicht stimmt. Aber wer sich mit Wildflüssen beschäftigt, der weiß: Unsere Flüsse sind fast ausnahmslos nicht mehr natürlich. Sie wurden begradigt, viele Ufer – auch die bewachsenen, grünen – sind befestigt. Die Wiesen entlang der Flüsse werden entwässert, viele sind Ackerflächen gewichen. Auwälder mit Bäumen, die mehrmals im Jahr im Wasser stehen, finden wir heute fast gar nicht mehr. Oft hat sich der gesamte Wasserhaushalt des Flusstals verändert. Die Flüsse haben sich immer tiefer in ihr Bett eingegraben und treten nur noch bei extremem Hochwasser über die Ufer. Dort überschwemmen sie Ackerflächen und manchmal auch Dörfer und Gewerbegebiete, denn es fehlt an Überschwemmungsflächen, die die Wassermassen aufnehmen. Die Kosten für die Deich- und Sohlsicherung und für Hochwasserschäden sind durch diese „Ent-Naturierung“ enorm gestiegen. Und die Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt sind dramatisch. Manche heimische Fischarten beispielsweise laichen im Kies. Heute ist dieser oft mit Feinsedimenten verklebt. Forellen und Äschen schlagen dann mit dem Schwanz auf den Kies, um ein Nest zu graben, doch er bewegt sich nicht. Das sind dramatische Szenen, die aber leider fast keine Schlagzeilen machen.

Foto: Sabrina an der Peene (Quelle: S. Schulz)

 

Was ist ein renaturierter Fluss?

 

Durch Renaturierung soll ein Fluss sich wieder naturnah entwickeln. Manchmal ist dazu am besten Nichtstun geeignet: umgestürzte Bäume nicht herausnehmen, abgebrochene Uferstellen nicht wiederherstellen, herausgebrochene Ufersicherungen und umgekippte Wehranlagen einfach liegen lassen, Gräben und Drainagen zuwachsen lassen – und der Fluss renaturiert sich selbst. Hier in Thüringen lässt sich das sehr gut an der Ilm oder der Apfelstädt beobachten, kleine Flüsse im Einzugsgebiet der Elbe, die streckenweise einfach Fluss sein dürfen.

 

Oft braucht es im engen Korsett eines eingetieften, begradigten und mit großen Steinen befestigten Flussbetts aber initialer Maßnahmen: Der Rückbau der Ufersicherung, das Hineinlegen von Wurzeln und Bäumen, die Verbreiterung des Gewässerbetts, die Rückverlegung begradigter Fließstrecken in den alten Flusslauf u. ä. helfen dem Fluss, seine alte Strukturvielfalt und Dynamik wiederzuerlangen. So etwas wird auch an großen Flüssen umgesetzt, beispielsweise an der Havel. An Flüssen wie der Elbe und dem Rhein, die schiffbar sind und bleiben sollen, können solche Maßnahmen zumindest im Bereich der Altarme und Nebenflüsse umgesetzt werden, auch dafür gibt es Beispiele, etwa in Lenzen (Elbe) oder im Bereich der Urdenbacher Kämpe (Rhein).

 

Eine wichtige Voraussetzung für Renaturierung ist, dass die Energie des Wassers und die Feststoffe, die es mit sich transportiert, das Flussbett formen können. An Dämmen und Wasserkraftanlagen wird die Energie gebremst und der Transport von Kies und Totholz unterbunden. Querbauwerke zurückzubauen, ist deshalb nicht nur für die Fischpassage wichtig, sondern ein elementarer Beitrag zur Revitalisierung der Flüsse.

 

Was hat die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) mit Renaturierung zu tun?

 

Die WRRL schreibt vor, Oberflächengewässer in einen guten chemischen und ökologischen Zustand zu versetzen. Gut wird dabei am Referenzzustand von Gewässern ohne menschliche Eingriffe, also am natürlichen Zustand, gemessen. Für stark veränderte Wasserkörper gibt es Ausnahmen, die begründet werden müssen. Grundsätzlich ist die Zielvorgabe der EU also der natürliche oder naturnahe Zustand, und die Indikatoren dafür sind, dass in unseren Gewässern die für sie typischen Fischarten und Kleinstlebewesen wieder vorkommen. Renaturierung lässt sich darum zwar hilfsweise durch Strukturindikatoren definieren: Ein Flusslauf wird kurviger, erhält mehr Uferbewuchs etc. Letztlich zählt aber, ob der Funktionszusammenhang des Gewässers wieder hergestellt werden kann. Das ist sehr anspruchsvoll, weil die „Ent-Naturierung“ der Flüsse so weit fortgeschritten ist und die benötigten Flächen für eine nach diesen Kriterien gelingende Renaturierung oft nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass die Wiederbesiedlung renaturierter Flussabschnitte davon abhängt, ob verschwundene Arten noch in der Nähe vorkommen und ob Wanderhindernisse ihren Weg „nach Hause“ verstellen.

 

Wer bezahlt? Sind ausreichend Mittel vorhanden? Welche Probleme / Herausforderungen gibt es? 

 

Für die Umsetzung der WRRL müssen Bund, Länder und Kommunen Mittel bereitstellen. Oft sorgen aber andere politische Prioritäten und - gerade bei Kommunen - auch die knappen Kassen/die Haushaltslage dafür, dass noch viel zu wenig getan wird. Das gilt besonders für Maßnahmen, für die größere Uferflächen gebraucht werden und die viele Interessenskonflikte mit sich bringen. Die Herstellung der Durchgängigkeit, also die Aufrüstung von Querbauwerken mit Fischauf- und –abstiegsanlagen oder auch der Rückbau nicht mehr benötigter Wehre, geht deshalb besser voran als die Wiederherstellung von naturnahen Auen und sich dynamisch verändernden Flussläufen. Die EU stellt darum sogar zusätzliche Fördermittel bereit, die aber manchmal nicht abgerufen werden können, weil die Flächen trotz vorhandener Mittel nicht verkauft oder zur Verfügung gestellt werden. Die Konkurrenz um Land ist hoch und die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Gewässerschutzmaßnahmen, für die landwirtschaftliche Nutzfläche in (unnützen) Sumpf verwandelt wird, gering. Hochwasserschutz findet eher Zuspruch. Darum sollten wir meiner Meinung nach sehr viel mehr darauf schauen, wie die verschiedenen Ansprüche an die Auen zusammengedacht und multifunktionale Flusslandschaften entwickelt werden können. Bezieht man dafür auch die Mittel ein, die für den Hochwasserschutz und für die Landwirtschaftsförderung eingesetzt werden, könnten auch ambitionierte Entwicklungsmaßnahmen sehr leicht finanziert werden. Die Kombination von Renaturierung, Hochwasserschutz und einer an die Aue angepassten Landnutzung bedeutet aber, dass eine Integration der verschiedenen Zielvorgaben und Prioritäten und eine Zusammenarbeit über Zuständigkeitsgrenzen hinweg erfolgen muss. Gemeinsam mit Partnern aus Thüringen wollen wir das im kommenden Jahr gern „von unten her“ in einem Umsetzungsprojekt ausprobieren und arbeiten eifrig an einem Förderantrag – bitte Daumen drücken!

 

Wie können sich Jugendliche einbringen?

 

Ich halte das Engagement Jugendlicher für ungemein wichtig, denn gerade die Wertedebatte – an was für Flüssen wollen wir in Europa leben und welche Schritte sind wir bereit zu gehen? – ist eine, die die künftige Genration nicht außen vor lassen darf. Ich habe oft mit Menschen zu tun, die ihre Eltern noch an der Begradigung der Flüsse haben mitwirken sehen. Für diese Generation ist die Einbettung wirtschaftlicher Ziele in komplexe ökologische Zusammenhänge ein Paradigmenwechsel. Jugendliche wachsen heute hingegen mit dem Wissen um den Klimawandel und die Folgen ungebremsten Wachstums für unsere natürlichen Lebensgrundlagen auf. Sie können mit neuen Ideen vorangehen, aber auch mit der Kreativität und Vehemenz der Jugend auf einen Wandel bestehen. Der Big Jump ist eine gute Gelegenheit, das öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen – hier kann man sich einem größeren Event anschließen oder auch einfach zusammen mit ein paar Freunden an einer Badestelle einen „Mini-Jump“ feiern. So werde ich es wohl in diesem Jahr machen und meinen Kieselstein mit Herz in die Gera in Erfurt schmeißen.

 

Foto: Big Jump 2018 (Quelle WWF/ERN)

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